„Schule nervt!“ Diesen Satz würde wohl jeder Schüler so unterschreiben. Doch warum gibt es eigentlich seit Jahrzehnten ein Schulsystem von dem fast alle Beteiligten (Schüler, Eltern, Lehrer etc.) so genervt sind? Der Schulalltag hat sich zwar im Laufe der Jahre soweit geändert, dass morgendliche militärisch anmutende Appelle verschwunden sind, aber der Kern des System, das hinter der Schule steht, wurde nie grundlegend verändert. Wir als Schüler und Herausgeber dieser Broschüre haben uns dieses System einmal näher angesehen und eine Schulkritik von Schülern für Schüler verfasst. Bei dieser Schulkritik wollen wir nicht nur auf die einzelnen Probleme des deutschen Schulsystems („unfaire Benotung“ etc.) eingehen, sondern das Schulsystem komplett in Frage stellen.

Da es uns als freidenkende Schüler schnell langweilig wird, immer nur zu nörgeln, haben wir natürlich auch eine für uns optimale Schule entworfen und ausgiebig diskutiert und analysiert, inwiefern diese mit der Arbeits- und Lebensrealität in Deutschland vereinbar ist. Also diskutiert, kritisiert und schaut nicht tatenlos zu, wie eure Zukunft verbaut wird!

Kritik an der Schule
Die Schule und das Bildungssystem ist ein Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse. In den Schulen wird jede kommende Generation auf ihr Leben in der Gesellschaft vorbereitet. In den Schulen lernen die jungen Menschen die heutige Moral und die aktuellen Verhaltensnormen kennen. Die Schule erzieht und bildet sie, damit sie später die Gesellschaft tragen und ertragen können.

In der Geschichte gibt es viele Beispiele dafür, dass das Bildungssystem der jeweiligen Gesellschaft entspricht. Zu Zeiten des Kaiserreichs lernten die Jugendlichen selbstverständlich schon in der Schule, dass buckeln nach oben und treten nach unten den meisten Erfolg versprach. Der militärische Drill vom Anfang des 20. Jahrhunderts passte auch noch bestens in die Nazi-Zeit und wurde gleich übernommen. Dazu gesellten sich Organisationen wie die Hitler Jugend, die dafür sorgten, dass Kinder auch außerhalb der Schule bloß keine eigenständigen Erfahrungen sammeln. Blinder Gehorsam und das Ausführen von Befehlen sollte den Jugendlichen in der Schule beigebracht werden, damit sie entweder als Soldaten an der Front dienten oder als Frauen daheim „ihrem Führer“ Kinder schenkten.

Die kapitalistische Schule von heute lehrt die Moral und die Ethik der kapitalistischen Produktion, die Konkurrenz hervorbringt. So beruht auch die kapitalistische Schule vor allem auf Selektion zwischen den SchülerInnen. Der Staat gibt immer weniger Geld für die Schulen aus und vernachlässigt schwache Schüler immer mehr, so dass zwei Arten von Schülern entstehen. Auf der einen Seite stehen die Gymnasiasten: gestresste Leistungsmaschinen, die nur noch für die Schule leben und für die das Wort „Solidarität“ dasselbe ist wie „Zeit verschwenden“. Auf der anderen Seite stehen dann die Real-, Haupt- und Sonderschüler: häufig Kinder von Einwanderern, denen Schule völlig egal ist, weil sie da höchstens lernen, was Hartz4 ist und wie man das beantragt. Der Grund dafür, dass nur wenig Geld für Schulen ausgegeben wird, ist unter anderem das geringe Interesse, das die Wähler an Themen wie Schulpolitik und Erziehung haben. Schließlich sind die Elbphilharmonie und neue Uniformen und Autos für die Polizei viel anschaulicher und „wichtig für Hamburg“. Die Firmen haben vor allem ein Interesse an so einem Schulsystem, weil sie genau diese beiden Sorten von Leuten brauchen: den „klugen Gymnasiasten“ als Chef und Leiter der Firma, der mit Fachwissen die Konkurrenz besiegt und den „dummen Haupt- und Realschüler“ als billigen Arbeiter, der macht was man ihm sagt, weil er sowieso keine Chance hat, jemals etwas anderes zu tun.

Dieses Bild stimmt aber nun nicht mehr ganz! Die Politiker machen zwar immer noch genau so Politik wie oben beschrieben. Das beweisen auch mal wieder die neuen Primarschulen, die jetzt eingeführt werden und letztendlich noch weiter zur Aufteilung zwischen Arm und Reich beitragen, genauso wie die immer häufigeren Prüfungen, die wirklich gar keinen Freiraum mehr lassen, für alles was nicht 100% für die deutsche Wirtschaft verwendbar ist!

Neu ist aber, dass die Wirtschaft plötzlich etwas ganz anderes will und die Politiker das noch gar nicht verstanden haben! Die Handelskammer in Hamburg macht zum Beispiel Werbung für Projekte wie „Eine Schule Für Alle“ und fordert anderen Unterricht, in dem Schüler länger miteinander und vor allem voneinander lernen. Dr. Jürgen Hogeforster, Chairman im „Hanse Parlament“, schreibt dazu „Investitionen in Bildung sichern unser aller Zukunft, sind das Wichtigste für unsere Kinder und das Beste für Hamburg. Bildung ist unsere aller wichtigste Ressource.[...] Ein längeres gemeinsames Lernen, z. B. einschließlich Vorschule sieben Jahre, sind Schritte in die richtige Richtung. Erforderlich sind auch eine obligatorische einjährige Vorschule und Ganztags-Schulen, die Kinder nicht überfordern, genügend Zeit zum Einüben des Erlernten und Potenziale für individuelle Förderungen bieten.“

Das denken wir auch! Aber wie kommt es, dass die Unternehmen plötzlich angeblich dasselbe wollen wie wir, obwohl sie noch vor kurzem etwas ganz anderes wollten? Haben die Politiker nicht gerade mit dem Schulsystem, wie es jetzt ist, schon versucht, alles so zu machen, wie die Unternehmen es wollten?

Die Wahrheit ist, dass die großen Firmen immer noch kein Interesse daran haben, dass wir wirklich besonders vielseitig lernen. Stattdessen wünschen sie sich hochspezialisierte Fachidioten, die besonders viel auf ihrem Arbeitsgebiet wissen, aber kaum etwas anderes. Das war schon immer so und war in der Vergangenheit der Grund warum die Unternehmen sich oft in die Schulpolitik eingemischt haben und wir in der Schule fast immer nur „auf die spätere Arbeitswelt“ eingestellt werden sollen, statt öfter Sachen zu lernen, die für unser ganzes Leben wichtig sind. Oder haben wir jemals in der Schule gelernt, was wir eigentlich wirklich vom Leben wollen, was hinter der Politik steckt, wie wir mit anderen Kulturen umgehen oder wie wir uns um die eigene Familie kümmern?

In Deutschland gibt es aber immer weniger Jobs, bei denen die Leute nur stumpf die Maschinen benutzen und keine Ahnung von ihrer Arbeit haben müssen. Diese Arbeit wird inzwischen fast komplett in Ländern wie China, Indien und dem ehemaligen Ostblock gemacht, weil sich das für die Unternehmen wegen niedriger Löhne mehr lohnt. Und weil die Unternehmen immer weniger solcher „einfachen Arbeiter“ brauchen, dafür aber mehr Chefs, passt es gut, wenn in Deutschland noch mehr Leute so eine Ausbildung kriegen, und dann in China die Arbeiter genauso (oder sogar noch viel schlimmer) rumkommandieren, wie deutsche Chefs das in Deutschland machen.

Nur bedeutet das leider auch nicht, dass jetzt alle SchülerInnen in Deutschland Führungskräfte werden dürfen. Es zeigt nur, dass auch die großen Firmen erkannt haben, wie gut unsere Vorschläge für die Schulbildung sind und wie sehr sie in der Klemme stecken mit dem jetzigen Schulsystem. Viele Firmen beschweren sich, dass ihre Arbeiter keine Mit-Arbeiter mehr sind, weil sie nie gelernt haben mit-einander zu arbeiten. Viele Stellen berichten sogar, dass sie keine Leute mehr einstellen können, weil unter den Bewerbern keiner die Mindestanforderungen erreicht oder z. B. ausreichend rechnen kann. Das sind alles Probleme, die durch guten, kompetenzorientierten Unterricht (in dem man also nicht nur Sachen lernt, sondern sie dann auch noch verstehen und anwenden muss) und Förderung von schwachen Schülern geklärt werden könnten. Das sehen sogar die Firmen langsam ein. Nur die Politiker eben noch nicht!

Sozialistische Schule
Nachdem wir das heutige, deutsche, kapitalistische Bildungssystem kritisiert haben, geht es uns darum, eine sozialistische Alternative aufzustellen. Zuerst sollte jedoch klar sein, wie in den vorigen Texten erläutert, dass das Bildungswesen immer an die jeweilige Gesellschaftsform angepasst ist und sich daher noch keine perfekte Schule für den Sozialismus prophezeien lässt. Die neue Schule kann erst in diesem entwickelt und umgesetzt werden.
Dennoch lässt sich eine Grundmethodik für die sozialistische Schule entdecken. Im Sozialismus geht es um die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Menschen und so wird es auch in der Schule sein. Dazu muss die Schule gemeinsam mit den Schülern in Diskussionen, sowie Reflexionen entwickelt werden und sich besonders die Rolle der Schulleitung und Lehrer grundsätzlich ändern. Die Schulleitung und eine Bildungsbehörde müssen ein Instrument der Schüler und Lehrer zur Umsetzung ihres gemeinsamen Schulkonzepts sein. Die Lehrer helfen den Schülern als Partner beim Lernen und sollten von ihnen auch kritisiert werden können, um für beide Seiten ein menschenbezogenes Lernen zu ermöglichen.

Da wir Menschen nicht alle gleich sind und jeder eigene Fähigkeiten und Bedürfnisse hat, muss eine Schule der Zukunft alternative Lernmethoden fördern, breitgefächerte, selbstzusammenstellbare Themenangebote und Lehrpläne bereithalten und individuelle Förderungen anbieten, um auf jeden Menschen eingehen zu können. Dementsprechend kann es auch keine Bewertung nach einem platten Notenschema mehr geben. Stattdessen geht es um konstruktive und hilfreiche Kritik.

Aber das Lernen hört nicht mit dem erstbesten Schulabschluss auf. Damit die menschliche Neugier nicht ins Leere läuft, braucht es offene Institutionen und kostenlose Bildung – vom Kindergarten bis zur Universität und Abendschule. Dieses neue Bildungswesen spaltet die Schüler nicht mehr entlang sozialer und ökonomischer Grenzen, sondern ermöglicht jedem die freie Entfaltung auf einer Schule für alle.

Unser zentrales Interesse bei der Entwicklung eines Bildungssystems ist eine Schule, in der jeder lernen kann, was und wie er möchte!

Schulkritik muss immer auch Gesellschaftskritik sein!
Viele unserer Ideen, die Schule zu verbessern, scheinen auf den ersten Blick so, als gäbe es keinen offensichtlichen Grund, sie nicht durchzusetzen. Obwohl aber unsere Vorschläge zum Teil schon seit Jahren von nahezu jedem Schüler und einem Großteil der Lehrer unterstützt werden, weigert sich die Behörde konsequent, ihnen auch nur Beachtung zu schenken. Warum also weigert sich die Behörde auf diejenigen einzugehen, für deren Interessen sie doch eigentlich da zu sein scheint? Um dieses Verhalten der Behörde zu verstehen, ist es notwendig, sich andere Aspekte dieser Gesellschaft anzusehen, welche noch größeren Einfluss auf die Schulpolitik haben als wir Schüler. Auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland herrscht nicht erst seit der aktuellen Finanzkrise ein extrem harter Wettbewerb um die besten Jobs und das höchste Gehalt. Unternehmen brauchen diesen Wettbewerb; schließlich wird man ja nur befördert, wenn man mit besonders großem Aufwand und Geschick dem Unternehmen zu noch größerem Erfolg verhilft. Somit brauchen die Unternehmen oftmals gar keinen großen Druck auf ihre Angestellten auszuüben, da diese einzig und allein von ihrer Hoffnung auf einen Aufstieg zu noch profitablerem Arbeiten motiviert werden. Diese Konkurrenz innerhalb eines Unternehmens läuft natürlich nicht ganz fair ab. Vielleicht ist jemand mit seinem Boss gut befreundet, kennt jemanden in der Chefetage oder sabotiert einfach die Arbeit seines Konkurrenten.

Manchen bleibt aber gar jede Form der Arbeit verwehrt. Sie leben von Hartz 4, müssen also mit 355 Euro im Monat auskommen und dürfen sich noch im Fernsehen ansehen, wie sie dafür verspottet werden, dass sie es ja „zu nix gebracht haben“.

Doch selbst diese Menschen haben für den Arbeitsmarkt noch einen Funktion: sie sind ein perfektes Druckmittel. Schließlich wird sich jede Putzfrau zweimal überlegen, gegen ihre Lohnkürzung zu protestieren, wenn sie genauso gut wie ihr Chef weiß, dass es Hunderttausende gibt, die nur darauf warten, diesen Job zu übernehmen.

Diese Spaltung in der Arbeitswelt zwischen jenen, die sich im Konkurrenzkampf um die besten Posten mit den anderen messen „dürfen“, und denjenigen, die jeden Job annehmen müssen, um bloß nicht als „Hartz-4-Assi“ abgestempelt zu werden, soll so früh wie möglich in die Köpfe gelangen.

Genau dies geschieht in der Schule: Hier wird getrennt zwischen denjenigen, die die Chance erhalten, Abitur zu machen, um sich danach auf der Universität und später im Beruf gegen andere durchzusetzen, und denjenigen, die mit einem Haupt- oder Realschulabschluss um die immer knapper werdenden Ausbildungsplätze kämpfen müssen. Wer hierbei keinen Ausbildungsplatz ergattert, dem bleiben nur noch Hartz 4, Schwarzarbeit, Kriminalität oder Jobs mit Löhnen von teils nicht mal vier Euro pro Stunde. Dass dies besonders MigrantInnen trifft, liegt auf der Hand, denn zusätzlich tragen auch Schule und Uni einen großen Teil zur Reproduktion des gesellschaftlichen Rassismus bei, indem unter anderem den Jugendlichen mit Migrationshintergrund der Aufstieg innerhalb des Bildungssystems erschwert wird.

Die Schule vermittelt in jeder Beziehung genau die Denkweisen, die von den zukünftigen ArbeitnehmerInnen gebraucht werden, um ihrer jeweiligen Funktion im System gerecht zu werden. Als Gymnasiast lernt man, mit den anderen zu konkurrieren, sie auszustechen, geschickt mit Lehrern, also Autoritäten, auszukommen und Führungsrollen zu übernehmen. Als Haupt- oder Realschüler bekommt man hingegen lediglich für den Arbeitsmarkt erforderliche Grundlagen vermittelt, lernt, sich unterzuordnen und sich nicht groß zu beschweren, da man sonst Gefahr läuft gar keinen Schulabschluss zu erhalten und der soziale Abstieg weiter voranschreiten würde.

Kann die Behörde uns nicht davor schützen, dass wir von Kind an auf unsere Rolle auf dem Arbeitsmarkt vorbereitet werden? Die Antwort lautet NEIN. Die Behörde ist Teil eines Regierungsapparates, dessen Aufgabe es ist, genau dieses System am Leben zu erhalten. Dieses System, das sich durch seinen Konkurrenzgedanken auszeichnet, heißt Kapitalismus, oder gerne auch Freie Marktwirtschaft genannt. Zwar haben die verschiedenen Parteien ihre eigenen, mehr oder weniger sozialen Konzepte um dieses System zu verwalten, doch verändert keines dieser Konzepte das System und somit unsere Schule grundlegend. Ohne diese grundlegende Veränderung ist aber eine Schule nach unseren Wünschen und Bedürfnissen nicht möglich. Wer die Schule kritisiert, darf das System nicht feiern!

Vom Reden zum Handeln
Schülerparlamente und Schülerräte sind als Vertretung aller Schüler gedacht, auch wenn viele ihrer Rolle nicht mehr entsprechen! Ein gutes Schulsprecherteam sollte z. B. auf Seiten der Schüler stehen und deren Interessen und Rechte gegenüber der Schulleitung verteidigen. Engagiert euch in solchen Bündnissen und bringt eure Kritik ein!

Wir Schüler haben das Recht, den Inhalt unserer Klassenlehrerstunden demokratisch selbst zu bestimmen. Hier sollte jeder die Möglichkeit erhalten, Schulkritik und Verbesserungsvorschläge zu äußern.

Die Schülerfibel und die Schülerkammer Hamburg (www.skh.de) bieten einen Überblick über unsere Rechte und Verpflichtungen als Schüler. Informiert euch und fordert die euch nicht gewährten Rechte ein!

Um die Bedingungen der Schule grundlegend und langfristig zu verbessern, ist es unbedingt erforderlich, auch außerhalb der Schule über unsere Anliegen zu diskutieren, zu protestieren und sich zu organisieren, damit wir als Schüler uns geschlossen für unsere Zukunft einsetzen können!

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